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Globalisierung – Gewinner und Verlierer

Die Art, wie unsere Wirtschaft heute funktioniert unterscheidet sich grundlegend von der der Nachkriegszeit. Das Schlagwort „Globalisierung“ steckt dahinter und selbst dieses hat sich im Laufe der Zeit in seiner Bedeutung – zumindest der, die man ihm hierzulande zugemessen hat – stark verändert.

Nach dem 2. Weltkrieg entwickelte sich die Wirtschaft in Deutschland, der Wohlstand nahm zu. Da die gesamte Infrastruktur und damit auch fast alle Produktionsanlagen zerstört waren, musste alles neu aufgebaut werden. Der Anfang war dadurch zwar schwer, aber sobald dieser geschafft war, hatte die deutsche Industrie einen Vorteil gegenüber ausländischer Konkurrenz, denn anders als im Ausland hatte man hier die modernsten zur Verfügung stehenden Fertigungstechniken und konnte so qualitativ bessere Produkte zu einem sehr konkurrenzfähigen Preis anbieten.

Der Slogan „Made in Germany“, ursprünglich von England erfunden, um minderwertige deutsche Produkte zu kennzeichnen und so die heimische Industrie zu schützen, stand schon bald für überlegene Qualität und nicht nur in England kaufte man gerne diese guten Produkte.

Die erste Phase der Globalisierung war geprägt durch die Erschliessung neuer Absatzmärkte. Man produzierte weiterhin in Deutschland, konnte aber weit mehr verkaufen, als der heimische Markt nachfragte. Das war die Grundlage des Wirtschaftswunders.

Die Anfänge der Europäischen Union, also Montanunion, Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und Europäische Gemeinschaft (EG) waren vor allem darauf ausgerichtet, dass der zollfreie Handel zwischen den Mitgliedsländern möglich wurde. Für Deutschland als hochindustrialisiertes Land war dies sehr positiv, denn nun konnten deutsche Produkte nicht mehr durch Zollabgaben künstlich verteuert und damit unattraktiv gemacht werden. Die Exportwirtschaft boomte und sowohl Unternehmen als auch Beschäftigte haben davon profitiert.

Der Drang, möglichst günstig zu produzieren, also vor allem Lohnkosten zu senken, ist nicht neu. Dennoch gab es trotz offener Grenzen zunächst kaum eine Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland. Grund hierfür war vor allem eine noch relativ geringe Differenz der Lohnkosten innerhalb der damaligen EG bei gleichzeitigem Wechselkursrisiko. Dies änderte sich in den 2000er Jahren durch die Einführung des Euros und die EU-Osterweiterung. Mit Bulgarien und Rumänien waren seit 2007 typische Niedriglohnländer Teil des Binnenmarktes. Für Wirtschaftskonzerne eine Chance, Gewinne durch Verlagerung von Arbeitsplätzen zu steigern. Dem ein oder anderen Leser wird vielleicht noch die Schliessung des Nokia-Werkes in Bochum mit dem Verlust von 2000 Arbeitsplätzen im Jahr 2008 in Erinnerung sein, die damals gross durch die Presse ging. Die Produktion wurde in ein frisch aus dem Boden gestampftes Werk in Rumänien verlagert. Nicht zufällig war Rumänien übrigens das EU-Land mit den niedrigsten Löhnen.

Auch in anderen Branchen wurde Arbeit dorthin verlagert, wo die Löhne tiefer waren. Schweine aus Niedersachen oder Baden-Württemberg wurden jetzt nicht mehr vor Ort geschlachtet sondern nach Polen transportieren. Im Tiefkühl-LKW kam dann das fertig zugeschnittene Steak zurück, welcher – wen wundert es noch – einer Spedition mit Sitz in einem EU-Land mit niedrigen Löhnen gehörte. Diese Möglichkeit stand natürlich den kleinen Familienunternehmen nicht zur Verfügung, denn nur über die Masse lohnte sich der logistische Mehraufwand. Die bereits vorher sichtbare Tendenz zur Konzentration der Märkte auf wenige Grossunternehmen wurde nochmals verstärkt und der immer weiter zunehmende Verkehr für den Transport der ganzen Waren quer durch Europa wurde zunehmend von billiger arbeitenden Unternehmen aus Osteuropa übernommen. Ideen deutscher Politiker, wie man diesem Trend entgegensteuern könnte, waren von Anfang an zum Scheitern verurteilt (siehe Kasten).

Die Idee der deutschen Politik war, den Mindestlohn nicht nur für in Deutschland ansässige Unternehmen einzuführen, sondern in quasi als verbindlich bezogen auf das Territorium der Bundesrepublik zu erklären. Somit wären auch alle ausländischen Unternehmen daran gebunden, während sie in Deutschland Leistungen erbringen. Konkret sollten Fernfahrer aus Osteuropa während der Zeit, die sie in Deutschland unterwegs sind, auch den in Deutschland geltenden Mindestlohn erhalten. Lassen wir den damit verbundenen Abrechnungs- und Verwaltungsaufwand einmal aussen vor, so hätte diese Regelung den deutschen Fernfahrern trotzdem nicht geholfen. Dies sollte eigentlich jedem sofort klar werden, der sich auch nur wenige Minuten mit der Materie beschäftigt. Der Mindestlohn in Deutschland – hochgerechnet auf ein Monatseinkommen – liegt bei knapp 1.500 Euro pro Monat. Das ist mehr als das Dreifache des Netto-Durchschnittseinkommens in Rumänien, das umgerechnet weniger als 450 Euro beträgt. Profitiert hätten also vor allem osteuropäische Fernfahrer, die in Deutschland unterwegs sind. Solange der Lohn deutscher Fernfahrer jedoch über dem Mindestlohn liegt, sind deutsche Speditionen durch höhere Lohnkosten nach wie vor im Nachteil. Anfang diesen Jahres haben Gerichte jedoch in ersten Urteilen bestätigt, dass die territoriale Mindestlohnpflicht gegen die europäische Dienstleistungsfreiheit verstösst und somit auf ausländische Transportunternehmen nicht anwendbar ist.

Die meisten Produkte werden heute weltweit vermarktet und allenfalls noch ein wenig für den jeweiligen Markt angepasst. Die Produktion erfolgt dort, wo dies am billigsten möglich ist. Ein iPhone der amerikanischen Firma Apple zum Beispiel wird durch die chinesische Firma Foxconn in  Auftragsfertigung aus Teilen der verschiedensten Zulieferer zusammengebaut. Nicht nur das iPhone selbst, auch der grösste Teil der Komponenten wird dabei in China hergestellt. Über die dabei herrschenden sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen und Löhne hat neben der internationalen Presse auch der Verein Humanrights.ch berichtet. In Deutschland und den USA wird das fertige Smartphone lediglich noch verkauft. Vom Ladenpreis eines iPhone 8 Plus, der in den USA bei knapp 800 Dollar begann,  entfielen nach Einschätzung von Experten weniger als 300 Dollar auf die Hardware. Der Löwenanteil landet also in den Taschen der beteiligten Unternehmen bzw. ihrer Aktionäre, allen voran Foxconn und Apple. Deutsche und amerikanische Arbeitnehmer profitieren allenfalls noch dann, wenn sie im Verkauf oder auf dem Transportweg mit dem Produkt in Berührung kommen.

Wer nun denkt, dass zumindest die Steuereinnahmen aus den Gewinnen dieser grossen Firmen uns allen zu Gute kommen, den muss ich enttäuschen. Grosskonzernen haben längst Wege gefunden, auch für die zu entrichtenden Steuern die günstigsten Länder weltweit zu nutzen. Möglich ist dies durch geschickte Buchhaltung. Es werden in jedem Land rechtlich eigenständige Firmen gegründet, die einander die einzelnen Komponenten weiterverkaufen. Sucht man zum Beispiel auf der Website von Apple, so findet sich im Kleingedruckten die Information, dass Angebot und Verkauf in Retail Stores in Deutschland nur die Apple Retail Germany B.V. & Co. KG erfolgt während der Verkauf über den Webstore direkt durch die Apple Distribution International mit Sitz in Irland erfolgt. Letztere ist ein Tochterunternehmen der Apple Inc. mit Sitz in den USA. Warum nun Irland? Ganz einfach, Irland hat einen sehr niedrigen Unternehmenssteuersatz und ist zugleich Teil der Europäischen Union.

Das ganze System lässt sich aus Sicht der Grosskonzerne noch optimieren, wenn man die Patentrechte, die praktisch jeder grosse Konzern besitzt, in einer Tochterfirma mit Sitz in einem Niedrigsteuerland bündelt. Diese Patente werden nun gegen entsprechende Zahlungen an die anderen Tochterfirmen lizenziert. Der Preis für diese Lizenzen wird dabei so bemessen, dass die anderen Tochtergesellschaften praktisch keinen Gewinn mehr erzielen. Auf diesem Weg kann ein weltweit tätiger Grosskonzern rein durch das Drehen an internen Verrechnungspreisen in seiner Buchhaltung fast den gesamten weltweiten Gewinn dort bündeln, wo dies steuerlich am günstigsten ist. Noch schlimmer wird dieses Verhalten dadurch, dass sich viele Länder sogar gegenseitig unterbieten in ihren Unternehmenssteuersätzen, damit sich Konzerne wie Apple - mit allein 2017 über 48 Milliarden US-Dollar Jahresgewinn - dort niederlassen und ihre Steuern zahlen. Nach dem Motto "Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach" bemühen sich die Länder darum, zumindest einen geringen Prozentsatz der riesen Konzerngeweinne als Steuereinnahmen abzubekommen, anstatt komplett leer auszugehen. Anders als Produktionsstätten sind diese allein steuerlich relevanten Konzernsitze nämlich sehr kurzfristig verlegbar (im Prinzip genügt eine offizielle Unternehmensgründung und ein Briefkasten) und grosse Konzerne nutzen dieses Druckmittel, um sogar noch Sonderkonditionen für noch niedrigere Steuern auszuhandeln.

Offene Grenzen und Globalisierung nützen also ganz eindeutig den grossen Konzernen und ihren Aktionären, diese sind eindeutige Gewinner der Globalisierung. Ebenfalls profitieren - wenn auch nur in geringem Masse – tun die Arbeitnehmer in Niedriglohnländern, die zwar nach unseren Massstäben ausgebeutet werden, die aber zumindest eine kleine Verbesserung ihrer Lebenssituation im Vergleich zum Vorzustand erfahren. Alle anderen jedoch, insbesondere die kleinen und mittelständischen Betriebe und die Menschen in Hochlohnländern wie Deutschland oder den USA sind klarer Verlierer der Globalisierung wie sie aktuell stattfindet. Die Idee, dass das, was für die Wirtschaft gut ist, auch für die Menschen gut ist, stimmt in dieser Form in der wirtschaftlich globalisierten Welt nicht mehr.

Gernot Ortmanns

Als klinisch tätiger Arzt und ehemaliger Unternehmensberater und Projektmanager ist das Spektrum der Themen, die mich interessieren sehr breit. Die sehr internationale Ausrichtung - ich habe neben Deutschland auch in Australien und der Schweiz gelebt und gearbeitet - verleiht mir eine Perspektive, die ich ohne diese Erfahrung so nicht hätte. Ich hoffe, ich kann meinen geneigten Lesern ein Stückweit diese Perspektive vermitteln und zu einer differenzierteren, vielschichtigeren Sicht der Dinge beizutragen.

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