JP X2-Video - шаблон joomla Новости

Ärztemangel – Gesundheitsminister Spahn ohne Plan

In einem Interview mit dem „SonntagsBlick“ aus der Schweiz sagte der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn, er hätte gerne die deutschen Ärzte zurück. Soweit absolut verständlich, schliesslich fehlen diese in Deutschland. Weniger verständlich, ja sogar demokratiefeindlich und gefährlich, ist jedoch die folgende Aussage, die er im weiteren Verlauf des Interviews gemacht hat.

Deshalb sollten wir darüber nachdenken, ob wir die Abwerbung von Fachleuten aus bestimmten Berufsgruppen innerhalb der EU nicht neu regeln müssen.Gesundheitsminister Jens Spahn am 13.01.2019

Zwar hat er noch kurz nachgeschoben, dass man insgesamt die Freizügigkeit in Europa nicht in Frage stellen dürfte, aber ganz offenbar soll dieses Recht – ginge es nach Herr Spahn – eben nicht uneingeschränkt für alle, und insbesondere nicht für Ärzte, gelten.

Allein im Jahr 2017 sind nach Zahlen der Bundesärztekammer 1965 zuvor in Deutschland tätige Ärzte ins Ausland gegangen. Beliebteste Länder dabei waren die Schweiz (641 Ärzte) vor Österreich (268) und den USA (84). Um Patienten vernünftig behandeln zu können, muss die Arzt-Patienten-Kommunikation möglichst ungehindert funktionieren. Dies ist auch der Grund, warum gerade die Schweiz und Österreich in der Statistik ganz oben auftauchen, denn eine Sprachbarriere muss man hier nicht überwinden. Auch gibt es keine Schwierigkeiten bei der Anerkennung der Studien- und Weiterbildungsabschlüsse. Wer in der Schweiz oder in Österreich einen Job sucht als Arzt, der hat es nicht viel schwerer als würde er in Deutschland arbeiten wollen.

Wenn Herr Spahn Ärzte in Deutschland halten möchte, dann beweist sein Nachdenken über Regeln und Restriktionen nur, dass er die Probleme des deutschen Gesundheitssystems nicht versteht und für seinen Job schlicht und einfach nicht qualifiziert ist. Woher auch? Jens Spahn ist selber kein Arzt und hat auch ansonsten keinerlei Qualifikation, die ein tieferes Wissen über das Gesundheitssystem nahelegen würde. Er hat eine duale Berufsausbildung zum Bankkaufmann absolviert und dann seine Karriere als Berufspolitiker gestartet. Neben dem Bundestagsmandat hat er dann noch Politikwissenschaften studiert. Definitiv also nichts, was auf ein tieferes Verständnis der Probleme des Gesundheitssystems schliessen lassen würde.

Statt nach neuen Regeln und Restriktionen zu rufen wäre es deutlich sinnvoller sich die Gründe für die Abwanderung der Ärzte anzusehen und dort anzusetzen.

Unabhängig von der Branche sind bei der Wahl einer Stelle immer die gleichen Aspekte ganz oben auf der Liste mit vertreten:

  • Einkommen
  • Arbeitsbedingungen
  • Karrierechancen / berufliche Weiterentwicklung
  • Lebensqualität am Wohnort

Statistiken besagen zwar mit schöner Regelmässigkeit, dass Ärzte die am besten verdienende Berufsgruppe in Deutschland seien, aber wie so oft genügt es eben nicht, nur auf die erste Zeile zu schauen. Was für Chefärzte – insbesondere solche mit alten Verträgen und unbeschränkter Privatpatientenbehandlung – gilt, gilt eben nicht für alle Ärzte und verzerrt die Statistik. Assistenzärzte die gerade frisch von der Universität kommen verdienen zum Beispiel nicht viel mehr als andere Universitätsabsolventen. Bedenkt man, dass das Medizinstudium doppelt so lange dauert, wie ein normales Bachelorstudium und die Selektion für ein Medizinstudium nach Leistung (Notendurchschnitt) erfolgt, dann relativieren sich dieser scheinbare leichte Gehaltsvorsprung sehr schnell zum Nachteil der Ärzte. In der Zeit, die man als Arzt für die Weiterbildung zum Facharzt braucht (5-6 Jahre, je nach Fachgebiet) steigt das Gehalt nur um rund 20%. Rechnet man die längere Studienzeit hinzu, so werden aus 5-6 Jahren bereits 8-9 Jahre, die man mit einem anderen Beruf in dieser Zeit seine Karriere vorangetrieben hätte. In dieser Zeit kann man in anderen Branchen – bei entsprechender Leistung - sein Gehalt um 50-100% steigern.

Gemessen an der Leistung und im Verhältnis zu anderen Branchen werden Ärzte in Deutschland also vergleichsweise schlecht bezahlt. Warum also nicht dorthin gehen, wo mehr bezahlt wird – zum Beispiel in die Schweiz?

Über die schlechten Arbeitsbedingungen in deutschen Krankenhäusern ist inzwischen recht viel geschrieben worden. Verbessert hat sich  jedoch vergleichsweise wenig. Steile Hierarchien, überbordende Bürokratie und mangelnde Wertschätzung der Mitarbeiter in einem System, das zunehmend ökonomischen Zwängen statt den Massstäben einer optimale Patientenversorgung folgt, machen den Arbeitsplatz Krankenhaus in Deutschland wenig attraktiv. Ganz anders in der Schweiz. Man hat einen freundlichen Umgang quer durch alle Ebenen des Krankenhauses und – zumindest noch – ist es möglich weniger auf ökonomische Gesichtspunkte als vielmehr auf die Bedürfnisse der Patienten einzugehen.

Die Karrierechancen sind – so man denn einfach nur Patienten behandeln möchte – eigentlich überall ausreichend gut, denn in fast allen Industrienationen herrscht durch die Alterung der Bevölkerung ein Ärztemangel. Zumindest in Bezug auf Österreich oder Schweiz dürften diese also von untergeordneter Bedeutung sein. Wer Ambitionen in Richtung Wissenschaft hat, für den ist natürlich eine Forschungsstelle in den USA besonders attraktiv. Dies erklärt übrigens auch den 3. Platz, den die USA in der Auswanderungsstatistik der Ärzte belegen, obwohl das deutsche Examen dort nicht anerkannt ist und man das amerikanische daher zusätzlich ablegen muss.

Die Lebensqualität ist zumindest in Österreich und der Schweiz nicht schlechter als in Deutschland, in der Schweiz sogar – und hier spreche ich aus eigener Erfahrung – ein ganzes Stück höher. Kulturell sind die Länder ähnlich und eine Anpassung fällt daher nicht schwer.

Wer in einer Partei ist, die für Marktwirtschaft und ein Europa ohne Grenzen eintritt, der muss auch bereit sein, diese Prinzipien dort gelten zu lassen, wo es vielleicht gerade unbequem ist. Ärzte beruflich in Deutschland „einzusperren“, nur weil sie dort gebraucht werden, kann nicht die Lösung sein. Würde man nur schon an den Punkten Gehalt und Arbeitsbedingungen nachhaltig etwas verbessern, man könnte durchaus mehr Ärzte zur Rückkehr nach Deutschland motiviert oder zumindest die Abwanderung in Zukunft deutlich bremsen.

Ärzte müssen eine Bezahlung erhalten, die auch im Vergleich zu anderen Berufen unter Berücksichtigung der langen Studien- und Weiterbildungszeiten attraktiv ist. Der Vergleich mit anderen Berufsgruppen in Deutschland selbst ist dabei nur ein Aspekt. Genau wie in anderen Branchen findet auch im medizinischen Bereich ein internationaler Wettbewerb um die besten Köpfe statt, hier ist Deutschland mit dem, was es den Ärzten anbietet derzeit einfach nicht international konkurrenzfähig.

Auch die Arbeitsbedingungen – insbesondere in den Krankenhäusern – müssen dringend verbessert werden. Als Arzt fühle ich mich meinen Patienten verpflichtet und möchte diese so gut wie möglich behandeln. Was ich auf keinen Fall möchte ist, mich in mehrseitigen Briefen gegenüber irgendwelchen Krankenkassen dafür zu rechtfertigen, was für eine Therapie ich durchführe und ob diese auch wirtschaftlich gerechtfertigt ist. Es mag sein, dass es einzelne Ärzte gibt, die betrügerisch abrechnen. Dies darf aber nicht dazu führen, dass man einen ganzen Berufsstand unter Generalverdacht stellt und auf Seiten der Kassen einen Verwaltungsapparat für die Kontrolle der Ärzte aufbaut, der sich dann so drastisch in Entscheidungen zur Patientenversorgung einmischt, dass Ärzte keine Freude mehr an ihrem Beruf haben und ständig das Gefühl vermittelt bekommen, dass sie sich für alles gegenüber irgendwelchen Bürokraten, die den einzelnen Patienten nicht einmal kennen, rechtfertigen müssen.

Zum Thema Lebensqualität gehört übrigens - neben vielen anderen Dingen - nicht zuletzt auch das Gefühl, in einer Gesellschaft wertgeschätzt zu werden. Mit Äusserungen wie denen von Herr Spahn erreicht man genau das Gegenteil. Wäre ich als Arzt in Deutschland tätig, ich würde noch heute nach Stellen im Ausland schauen, bevor ein Politiker wie Spahn seine Wahnideen anfängt in Taten umzusetzen und mir diese Freiheit in Zukunft wegnimmt.

Gernot Ortmanns

Als klinisch tätiger Arzt und ehemaliger Unternehmensberater und Projektmanager ist das Spektrum der Themen, die mich interessieren sehr breit. Die sehr internationale Ausrichtung - ich habe neben Deutschland auch in Australien und der Schweiz gelebt und gearbeitet - verleiht mir eine Perspektive, die ich ohne diese Erfahrung so nicht hätte. Ich hoffe, ich kann meinen geneigten Lesern ein Stückweit diese Perspektive vermitteln und zu einer differenzierteren, vielschichtigeren Sicht der Dinge beizutragen.

Webseite: www.kritikpunkt.net/

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

Mitarbeit

Sie möchten einen Gastbeitrag veröffentlichen? Senden Sie diesen einfach an
gastbeitrag[at]kritikpunkt.net

Kontakt

Sie möchten Feedback geben oder uns aus einem anderen Grund kontaktieren?

info[at]kritikpunkt.net