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„Deutschland geht es gut!“ – Ihnen auch?

Als Angela Merkel sich vor die Fernsehkameras stellte und sagte, Deutschland gehe es gut, da war dies zumindest für die deutsche Wirtschaft eine korrekte Aussage. Deutsche Unternehmen erzielen Rekordgewinne aber viele Menschen haben das Gefühl, dass bei Ihnen selbst davon wenig bis gar nichts ankommt. Etwaige Einkommenszuwächse werden durch steigende Lebenshaltungskosten – insbesondere für Miete, Strom und Mobilität – aufgefressen und für viele bleibt am Monatsende unter dem Strich sogar ein Minus. Woran liegt das? Wenn es der Wirtschaft so gut geht, sollten wir dann nicht alle auch davon profitieren?

Es gibt viele Gründe, warum der Zusammenhang florierende Wirtschaft und allgemeinem Wohlstand nicht (mehr) gilt, an dieser Stelle möchte ich jedoch einen ganz grundlegenden herausgreifen und näher erklären: Die Wertschöpfungskette.

Was genau ist diese Wertschöpfungskette? Nehmen wir – um es einfach zu machen – ein technisch sehr simples Produkt wie einen hölzernen Zaunpfahl. Wenn wir diesen im Baumarkt für 11,90 Euro kaufen, dann gehen als erstes 1,90 Euro Mehrwertsteuer an den Staat. Der Verkäufer erhält also noch genau 10 Euro. Die Wertschöpfungskette beschreibt nun alle Schritte vom Baum, der im Wald wächst bis zum fertigen Produkt Zaunpfahl im Baumarkt und wie sich die 10 Euro auf jeden Schritt in dieser Kette verteilen. Selbst für ein so einfaches Produkt wie einen Zaunpfahl ist diese Kette hoch komplex. Um dies zu verstehen, verfolgen wir doch einmal den Weg des Zaunpfahls zurück bis zum Baum, von dem das Holz stammt.

Der Baumarkt verkauft also den Zaunpfahl für 10 Euro (ohne Steuern), kauft ihn selbst jedoch für 5 Euro ein. Natürlich hat der Baumarkt nicht 5 Euro Reingewinn pro Zaunpfahl sondern davon müssen noch eine ganze Reihe an Dingen abgezogen werden. Zum Beispiel:

  • Kosten für Werbung (Zeitungsbeilagen, Internetseite, etc.)
  • Personalkosten des Baumarkts
  • Umlage der Fixkosten (Gebäude, Versicherungen, Strom, etc.) des Baumarkts
  • Transportkosten vom Grosshandel zum Baumarkt

Die reine Gewinnspanne ist das, was nach Abzug aller Kosten am Ende beim Verkauf des Produkts Zaunpfahl übrigbleibt, nehmen wir der Einfachheit halber an, dies wäre noch 1 Euro.

Am letzten Punkt der obigen Liste, den Transportkosten, sieht man sofort, warum das Ganze eine Kette ist. Wenn ein externes Unternehmen diesen Transport übernimmt, dann kostet dieser zum Beispiel auf den einzelnen Zaunpfahl umgerechnet 0,20 Euro. Aber auch das Transportunternehmen hat nicht 0,20 Euro pro transportiertem Zaunpfahl als Reingewinn sondern muss genau wie der Baumarkt davon zunächst seine eigenen Kosten abziehen. Diese bestehen unter anderem aus:

  • Abschreibung für das Fahrzeug
  • Umlage der Fixkosten (KFZ-Steuer, Versicherung, Administration)
  • Lohnkosten für Kraftfahrer
  • Marketingkosten des Fuhrunternehmens.

Am Ende kommen pro Zaunpfahl also nicht 0,20 Euro sondern vielleicht noch 0,02 Euro Reingewinn heraus.

Gehen wir zum nächsten Glied in der Kette, dem Grosshandel. Dieser verkauft den Zaunpfahl zwar für 5 Euro an den Baumarkt, muss ihn selber aber für 3 Euro vom Sägewerk einkaufen. Auch der Grosshandel hat Kosten für:

  • Personal
  • Lagerhaltung
  • Marketing
  • Transport vom Sägewerk zum Grosshandelslager.

Zieht man alles ab, dann bleiben dem Grosshandel von den ursprünglich 2 Euro nur noch 0,20 Euro an Reingewinn.

Im Sägewerk wiederholt sich das ganze Spiel. Der Zaunpfahl wird für 3 Euro verkauft, allerdings muss man hier einerseits die gefällten Bäume ankaufen, um sie zu verarbeiten, andererseits hat auch das Sägewerk Kosten für:

  • Arbeitslohn der Beschäftigten
  • Abschreibung der Maschinen
  • Strom zum Betreiben der Maschinen
  • Transport der gefällten Bäume vom Wald zum Sägewerk.

Der Reingewinn ist also abermals weitaus geringer als die Spanne zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis.

Und auch der Forstwirt, der den Baum letztlich an das Sägewerk verkauft, hat diesen über viele Jahre hinweg wachsen lassen, musste Forstarbeiter bezahlen, die sich um den Wald gekümmert haben in all diesen Jahren und die am Ende den Baum gefällt haben. Auch er hat nicht einen Gewinn von 30 Euro pro Baum (wenn aus diesem 10 Zaunpfähle gemacht werden können) sondern nach Abzug aller Kosten verbleibt ein weit geringerer Gewinn.

Was hat das nun alles damit zu tun, dass es der Wirtschaft gut geht aber bei den Menschen davon zu wenig ankommt? Wie wir sehen wird mit jedem Schritt in der Kette ein Teil des letztlichen Wertes von 10 Euro erwirtschaftet. Mit jedem Schritt der in Deutschland stattfindet erhöht nicht nur ein Unternehmen seinen Gewinn, es profitieren auch alle Menschen, die direkt oder indirekt am Weg vom Baum zum Zaunpfahl im Baumarkt irgendwie beteiligt sind, sei es nun in Form von Löhnen, die sie als Forstarbeiter, Beschäftigte Im Sägewerk, Fernfahrer oder Angestellte im Handel erarbeitet haben, seien es die Mitarbeiter der Werbeagenturen, die für die einzelnen Unternehmen das Marketing machen oder die Handwerker, die die Lagerhallen und Verkaufshallen des Grosshandels oder Baumarkts erstellt haben oder die Maschinen im Sägewerk warten und deren Kosten natürlich alle auf das Produkt umgelegt wurden. Selbst von den weniger transparenten Kosten die sich hinter der Abschreibung für Maschinen und Fahrzeuge verstecken – wenn diese denn in Deutschland produziert wurden – haben die Menschen profitiert.

So war es vielleicht in den 1980er Jahren, aber heute sieht die Realität anders aus. Der Baum kommt nicht aus einem deutschen Wald sondern irgendwo aus Asien. Noch immer wird der Zaunpfahl für 10 Euro im Baumarkt verkauft, allerdings wird der Baum vor Ort in Asien verarbeitet, der Transport der Zaunpfähle erfolgt auf einem Schiff unter der Flagge eines mittelamerikanischen Landes mit Seeleuten aus den unterschiedlichsten Ländern – meist solchen, wo man für sehr geringen Lohn arbeitet. Die Fuhrunternehmen, die den Transport vom Hafen zum Baumarkt übernehmen, haben ihren Sitz irgendwo in Osteuropa und haben daher auch osteuropäische Angestellte und die Fahrzeuge werden dort gewartet. Der Schritt Grosshandel wurde komplett gestrichen und durch Optimierung der Lieferkette und Einkauf direkt im Erzeugerland mit Lieferung "just in time" unnötig. Das hat die Gewinnspanne der Baumarktkette erhöht. Von den ehemals 10 Euro bleibt nur noch ein sehr kleiner Teil wirklich in Deutschland und kommt den Menschen hier im Land zu Gute. Der ganze Rest der Wertschöpfungskette jedoch geht an Deutschland vorbei und davon profitieren die Länder und deren Menschen, die diese Anteile nun erbringen. Die höhere Gewinnspanne der Baumarktkette kommt allein deren Anteilseignern (Shareholdern) zu Gute.

Und das war nur das simple Beispiel eines Zaunpfahls. Smartphones zum Beispiel werden fast ausschliesslich in Asien – vornehmlich China – hergestellt. Bei den meisten elektronischen Geräten und Bauteilen ist dies nicht anders. Egal ob Flachbildfernseher, Computer oder Schnurlostelefon, fast alles wird in Fernost hergestellt und wenn dann doch einmal ein Produkt in Deutschland hergestellt wird, dann kommt die überwältigende Anzahl der einzelnen Bauteile aus ausländischer Fertigung. Auch bei Bekleidung kommt kaum ein Stück aus Deutschland. Selbst bei Nahrungsmitteln werden diese nur noch selten regional erzeugt und verarbeitet sondern im Rahmen der industriellen Fertigung werden Roh- und Zwischenprodukte quer durch Europa – zum Teil sogar rund um die Welt – transportiert und jeweils dort verarbeitet, wo dies am billigsten ist.

Die grossen Konzerne arbeiten heute fast alle multinational. Jedes Bauteil wird entweder von dort zugekauft, wo es am günstigsten zu beziehen ist oder dort produziert, wo dies am günstigsten möglich ist – und das ist eben meistens nicht in Deutschland. Die Transportkosten für die meisten Produkte fallen im Vergleich zu den Lohnkosten kaum ins Gewicht, so dass die Fertigung eben in Niedriglohnländern unter Arbeitsbedingungen stattfindet, die in Deutschland illegal wären.

Gernot Ortmanns

Als klinisch tätiger Arzt und ehemaliger Unternehmensberater und Projektmanager ist das Spektrum der Themen, die mich interessieren sehr breit. Die sehr internationale Ausrichtung - ich habe neben Deutschland auch in Australien und der Schweiz gelebt und gearbeitet - verleiht mir eine Perspektive, die ich ohne diese Erfahrung so nicht hätte. Ich hoffe, ich kann meinen geneigten Lesern ein Stückweit diese Perspektive vermitteln und zu einer differenzierteren, vielschichtigeren Sicht der Dinge beizutragen.

Webseite: www.kritikpunkt.net/

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