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Der gläserne Mensch und das Versagen der Politik

„Big Data“ – viele werden diesen Begriff schon gehört haben, aber was genau verbirgt sich dahinter? Nehmen wir einen ganz normalen Einkauf im Supermarkt oder Discounter. Vor der Einführung von der Scanner-Kassen war die Kassiererin dabei der Garant für Datenschutz. Sie hat den Preis vom Schild abgelesen, in die Kasse eingegeben und sofort wieder vergessen, denn sie musste das mit dem nächsten Artikel wiederholen und Wissenschaftler wissen, dass man im Durchschnitt nur 8 Dinge im Kurzzeitgedächtnis ablegen kann . Wenn man also seinen Wocheneinkauf getätigt hat mit beispielsweise 30 verschiedenen Waren, dann hätte die Kassiererin sich davon nur 8 merken können. Und das war nur ein Kunde, die Kassiererin hat dies jedoch Stunde um Stunde mit einer grossen Zahl Kunden wiederholt. Am Ende hat man seine Waren bar bezahlt und was man letztlich gekauft hat, hat niemand verfolgen können.

Heute erfasst die Scanner-Kasse jeden Artikel. Wenn man den Kassenbon anschaut, so findet sich dort nicht nur eine Aufsummierung der einzelnen Preise sondern es ist ganz detailliert jeder Artikel aufgelistet, den man gekauft hat. Alles was noch fehlt ist eine Kundenkarte oder elektronisches Zahlen mittels Karte und schon kann man dem Einkauf auch einen Namen zuordnen. Im Falle einer Kundenkarte hat der Händler zusätzlich noch Informationen wie Alter, Geschlecht und Adresse. Bei der Bankkarte kommt der Händler allein nicht weiter, die Bank verfügt aber über ihre ganz eigenen Informationen.  Da wären neben den Daten zu Alter, Geschlecht und Adresse auch noch Informationen zu Einkommen und eventuellen Schulden sowie umfassende Informationen darüber, wo man wieviel Geld auf elektronischem Wege bezahlt hat.

Und genau hier beginnt „Big Data“. Man erhebt riesige Datenmengen, verknüpft diese mit weiteren Daten, die anderswo erhoben wurden und versucht daraus neue Informationen zu gewinnen und wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen.

Die Wirtschaft hat ein ganz erhebliches Interesse daran, diese Daten nicht nur zu erheben sondern auch auszutauschen und damit zu handeln. Führt man alle Daten zusammen, die irgendwo erhoben werden, so erhält man einen fast völlig transparenten Menschen. Durch entsprechende Computeranalysen kann man aus diesen Daten mehr über unser Kaufverhalten lernen als uns selbst je bewusst sein dürfte. Auch Versicherungen haben ein grosses Interesse an diesen Daten (siehe Kasten).

Warum wollen Versicherungen Zugriff auf Daten?

Sie kaufen sehr viel Fast-Food, sind Raucher oder es gibt keine Kontobewegungen, die auf die Mitgliedschaft in einem Sportverein oder Fitnessstudio schliessen lassen und möchten eine Lebensversicherung, einen Kredit oder ein Darlehen für eine Eigentumswohnung? Freuen Sie sich auf einen Risiko-Aufschlag.

Zusatzversicherung für Zahnersatz? Warum schauen wir nicht erst einmal auf Ihre Ernährungsgewohnheiten – diese lassen sich wunderbar aus den eingekauften Lebensmitteln ableiten – und berechnen Ihnen dann eine individuelle, risikoangepasste Prämie?

Autoversicherung? Sie mögen zwar in einer Gegend mit geringem Risiko für Diebstahl und Vandalismus wohnen (diese Daten verarbeiten Versicherungen schon heute aufgrund Ihrer Adresse beim Antrag), aber zahlen öfters mit Karte in Geschäften in einer nicht so sicheren Gegend? Die Versicherungsgesellschaft wird also folgern, dass sie öfters dort sind und damit das Risiko für Diebstahl oder Beschädigung des Autos ansteigt. Eine höhere Prämie ist die Folge.

Schlimmer noch, man kann lernen auf welche Art sich unser Konsum im Interesse der Wirtschaft manipulieren lässt. Werbung ist teuer, laut Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) lagen die Investitionen in Werbung im Jahr 2017 bei über 26 Milliarden Euro. Bei vielen Produkten übersteigen die Kosten für Marketing die Entwicklungs- und Herstellungskosten um ein Vielfaches. Rasierklingen zum Beispiel kosten in der Herstellung nur wenige Cent – und auch wenn die Werbung das Gegenteil suggeriert, die Entwicklungskosten für neue Produkte sind im Vergleich mit anderen Branchen sehr gering, handelt es sich de facto doch um ein Low-Tech Produkt. Bei Verkaufspreisen von teilweise über 3 Euro pro Klinge kann man sich leicht vorstellen, dass hier neben einer gewaltigen Gewinnspanne vor allem das Marketing der entscheidende Kostenfaktor für den Hersteller ist.

Das grosse Ziel der Werbewirtschaft ist es, Werbung möglichst perfekt zu individualisieren. Fernsehwerbung wird so geschaltet, dass sie möglichst in den Filmen und Serien läuft, die von denjenigen gesehen werden, die man als optimale Zielgruppe für sein Produkt ausgemacht hat. Wer versucht Werbung für Rasierklingen für den Mann in typischen Sissy-Filmen zu positionieren wird ungleich weniger Umsatz pro eingesetztem Euro erwirtschaften, als wenn er die gleiche Werbung in einem Terminator-Film platziert, der überwiegend von jungen Männern gesehen wird. Das gleiche Prinzip nur umgedreht verwenden die Fernsehsender. Hier geht es darum möglichst günstig ein Programm zu produzieren, das eine Zielgruppe an den Bildschirm holt, für die sich optimale Werbeerlöse erzielen lassen. So entstehen die billig produzierten Reality-TV-Sendungen des Tagesprogramms – auch bekannt als Unterschichten-TV - die keinem anderen Zweck dienen als die Verpackung für Werbespots zu sein, mit denen die Privatsender ihren Umsatz generieren.

Die Masseinheit der Branche ist TKP, der „Tausend-Kontakt-Preis“. Das sind die Kosten, die der Werbetreibende hat, um 1.000 Kontakte aus seiner Zielgruppe zu erreichen. Je genauer es gelingt die Zielgruppe anzusprechen, desto geringer der TKP. Das Traumszenario der Branche wäre es, wenn man Werbespots ganz individuell auf eine einzelne Person zuschneiden könnte. Zum Beispiel bei Video-On-Demand, wenn der Anbieter weiss, wer dieses Video abruft und daher basierend auf Analysen des Kaufverhaltens (die Daten dazu fallen ja an den diversen Stellen an) genau den Spot einspielen kann, der mit grösster Wahrscheinlichkeit auch zu einem Kauf des Produkts führt. Je perfekter die Sender wissen, wer wann welche Sendungen anschaut, desto besser können sie das Programm auf die Zielgruppe abstimmen und so die bestmögliche Rendite erwirtschaften.

Dass es für den einzelnen Bürger wenig Vorteile bringt, in dieser Art und Weise transparent gemacht und manipuliert zu werden, bedarf wohl keiner weiteren Erklärung. Dass Konzerne hier auf ihren Vorteil bedacht sind verwundert nicht. Das eigentliche Verbrechen findet aber auf Seiten der Politik statt, die sich weigert die Bürger genau davor zu schützen. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel davon spricht, man müsse für einen gerechten Ausgleich zwischen den Interessen der Wirtschaft und dem der Bürger sorgen, dann hat sie offenbar vergessen, wem sie aufgrund ihres Amtseids verpfichtet ist.

Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. [So wahr mir Gott helfe.]“
Amtseid der Bundesminister und des Bundeskanzlers gemäss Artikel 56 des Grundgesetzes

Diesen Schwur hat jede/r Minister/in und die Bundeskanzlerin bei Amtsantritt abgelegt. Von „Wohle der deutschen Wirtschaft“ ist dort nicht die Rede. Vielmehr wäre es die Pflicht, bedingungslos für die Rechte und das Wohl der Bürger einzutreten. Das Argument, dass deutsche Unternehmen gegenüber ausländischen dadurch benachteiligt wären, ist in Zeiten einer globalisierten Wirtschaft nicht haltbar.

Natürlich kann auch ein deutsches Unternehmen die lockereren Datenschutzgesetze in einem anderen Land nutzen und dort Dienstleistungen anbieten, die in Deutschland zum Wohle der Bevölkerung verboten sind und ein ausländisches Unternehmen müsste sich umgekehrt an die strengeren deutschen Bestimmungen halten, wenn es hier aktiv sein will. Anders als die von Lobbyvertretern beeinflussten Politiker uns glauben machen wollen, wird dadurch die Wirtschaft nicht unangemessen benachteiligt. Es kommt auch kein vernünftig denkender Mensch auf die Idee sich darüber zu beschweren, dass Hersteller von Schnellfeuergewehren unangemessen benachteiligt wären, weil diese in Deutschland nicht frei verkäuflich sind. Niemand verbietet diesen Firmen ihre Produkte in Märkten anzubieten, wo dies legal ist (z. B. in den USA).

Generell ist die Vorstellung, die Politik hätte die Aufgabe einen Interessenausgleich zwischen Bürgern und Wirtschaft zu finden eine absurde Perversion der eigentlichen Pflichten. In einer Demokratie ist das Volk der Souverän, nicht die Wirtschaft und ihre Lobbyisten. Solange die Politiker von CDU/CSU, SPD, FDP, Grünen und Die Linke sich weigern, dieses grundlegende Prinzip zu verinnerlichen und danach zu handeln haben sie nicht verstanden, wieso die Wähler ihnen nicht länger ihre Stimme geben und in immer grösserer Zahl entweder gar nicht wählen oder zu Rand- und Protestparteien abwandern und tragen damit zur Zerstörung der demokratischen Grundordnung bei und fügen dem Volk Schaden zu, das zu schützen sie eigentlich geschworen haben.

Gernot Ortmanns

Als klinisch tätiger Arzt und ehemaliger Unternehmensberater und Projektmanager ist das Spektrum der Themen, die mich interessieren sehr breit. Die sehr internationale Ausrichtung - ich habe neben Deutschland auch in Australien und der Schweiz gelebt und gearbeitet - verleiht mir eine Perspektive, die ich ohne diese Erfahrung so nicht hätte. Ich hoffe, ich kann meinen geneigten Lesern ein Stückweit diese Perspektive vermitteln und zu einer differenzierteren, vielschichtigeren Sicht der Dinge beizutragen.

Webseite: www.kritikpunkt.net/

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